Vorweg, damit klar ist, was das hier ist: Das ist ein Meinungsbeitrag. Keine Studie, keine Prognose mit Zahlen dahinter. Vier Dinge, die ich in meinem eigenen Arbeitsalltag schon sehe und von denen ich vermute, dass sie 2030 für alle normal sind. Wer widersprechen will, hat gute Chancen, recht zu behalten.
Die Benutzeroberfläche verschwindet, und ich merke es an mir selbst
Ich klicke immer weniger. Das ist keine Haltung, das hat sich eingeschlichen.
Den größten Teil meiner Arbeit diktiere ich inzwischen. Nicht in ein Diktierprogramm, das Text abtippt, sondern als Auftrag an eine Maschine, die danach etwas tut. Vor zwei Wochen habe ich beschrieben, dass ich unser Firmenlogo gerne an der Bürowand hätte. Herausgekommen sind sechs druckfertige Dateien für den 3D-Drucker. Ich habe dabei kein Programm geöffnet, in dem man etwas anklicken kann.
Menüs, Symbolleisten, Einstellungsdialoge — das war jahrzehntelang die Art, wie man einem Computer sagt, was er tun soll. Es war nie die naheliegendste Art. Es war die einzige, die funktionierte. Wenn Sprache funktioniert, verschwinden die Menüs, so wie die Kommandozeile für die meisten Leute verschwunden ist, als es Fenster gab.
Das halte ich für gut. Es senkt die Schwelle für alle, die nie gelernt haben, wo in einem Programm was liegt — und das sind die meisten.
Ich verlerne Dinge, und ich merke das erst hinterher
Jetzt die Kehrseite, und die betrifft mich genauso.
In dem Beitrag über das Wandlogo steht ein Satz, über den ich seitdem nachdenke: Ich kann kein CAD, und ich habe auch nicht vor, es noch zu lernen. Das war ehrlich gemeint und praktisch vernünftig. Es heißt aber auch: Ich habe eine Fähigkeit übersprungen, weil eine Maschine sie mir abnimmt.
Bei mir ist das folgenlos, ich bin 60 und habe genug anderes gelernt. Bei einem Zwanzigjährigen ist es das nicht. Wer nie gelernt hat, ein Bauteil zu konstruieren, kann auch nicht beurteilen, ob das, was die Maschine ausspuckt, Unsinn ist.
Man sieht es am Kartenlesen. Vor dreißig Jahren konnte jeder eine Straßenkarte lesen, heute kaum noch jemand, und niemand vermisst es — bis das Navi ausfällt oder in einen Feldweg führt. Bei einer Landkarte ist der Schaden ein Umweg. Bei einer statischen Berechnung ist er größer.
Ich glaube nicht an eine allgemeine Verdummung. Ich glaube an eine Verschiebung: Was man selbst nicht mehr kann, kann man auch nicht mehr prüfen. Und Prüfen ist genau das, was übrig bleibt, wenn die Maschine das Machen übernimmt. Das ist die unangenehme Stelle.
Maschinen werden mit Maschinen verhandeln
Wenn heute ein Termin gefunden werden muss, schreiben sich Menschen fünf Mails. 2030 wird der Kalender das unter sich ausmachen, ohne dass jemand eine Mail formuliert. Dasselbe gilt für eine Hotelbuchung, eine Reklamation, den Vergleich von drei Angeboten.
Für einen kleinen Betrieb ist das eine echte Entlastung, weil genau dieser Kleinkram den Tag zerstückelt. Es hat aber eine Folge, die man mitdenken sollte: Wenn auf beiden Seiten Maschinen sitzen, gewinnt die besser instruierte. Wer seinem Agenten nicht sagt, wo seine Grenzen sind, bekommt Ergebnisse, die technisch korrekt und geschäftlich schlecht sind.
Das ist übrigens kein neues Problem. Wer schon einmal einen Einkäufer ohne klaren Rahmen losgeschickt hat, kennt es.
Echtheit wird teuer
Und das ist der Teil, der mich am meisten freut, weil er meinem Geschäft entgegenkommt.
Ich verkaufe seit 1992 alte Hardware. Konsolen, Rechner, Zubehör, teilweise älter als die Leute, die sie kaufen. Nach jeder Logik müsste das ein Auslaufmodell sein. Es wächst.
Der Grund ist nicht Nostalgie allein. Ein Gerät von 1985 macht genau eine Sache, es macht sie ohne Konto, ohne Update und ohne dass jemand mitschreibt, und man kann es aufschrauben. Je perfekter und beliebiger das Digitale wird, desto mehr ist das wert. Dasselbe sehe ich beim Unterrichten: Ein Kurs, in dem jemand im selben Raum steht und auf Rückfragen antwortet, ist durch kein Video zu ersetzen, und der Abstand wird größer, nicht kleiner.
Handgemachtes, Reparierbares, Anwesendes — das war zwanzig Jahre lang das Rückständige. Es wird das Teure.
Was ich daraus für mich mitnehme
Ich habe keine Empfehlung für die Gesellschaft. Für den eigenen Betrieb schon:
Die Fähigkeit, die man behalten muss, ist das Beurteilen. Nicht das Tippen, nicht das Zeichnen, nicht das Formulieren — das darf die Maschine machen. Aber wer nicht mehr erkennt, wann ein Ergebnis falsch ist, hat nichts gewonnen, sondern nur die Verantwortung an etwas abgegeben, das keine tragen kann.
Bei dem Wandlogo hat mir die Maschine im ersten Anlauf zwei Löcher durch die Platte gebohrt, die man von vorne gesehen hätte. Aufgefallen ist es mir, nicht ihr. Das war kein großes Können. Es war Hinschauen.
Genau das wird 2030 die knappe Ware sein. Und daran ändert sich, ehrlich gesagt, seit vierzig Jahren nichts.
KI-Tools für Ihr Unternehmen?
Ob Inhalte, Automatisierung oder datenschutzkonforme KI-Infrastruktur: WOLFSOFT begleitet Ihr Team bei der Umsetzung. Komplett ohne Cloud-Zwang.